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Humboldt-Universität zu Berlin - IRI THESys

Schnittstelle in Person: Jörg Niewöhner bringt Disziplinen zusammen

Jörg Niewöhner ist Professor für Stadtanthropologie und Mensch-Umwelt-Beziehungen am Institut für Europäische Ethnologie an der HU Berlin sowie stellvertretender Direktor des IRI THESys.

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Jörg Niewöhner ist seit 2013 stellvertretender Direktor des IRI THESys und begleitet das interdisziplinäre Institut seit dessen Gründung. Sein akademischer Werdegang nahm in den Naturwissenschaften seinen Anfang, bevor er sich verstärkt den Sozialwissenschaften zuwandte. Heute möchte Jörg Niewöhner vor allem zwischen den Disziplinen vermitteln.   

Was können wir wissen? Ein kritischer Geist erforscht Umweltrisiken und Risikowahrnehmung

An Umweltschutzthemen war Niewöhner schon immer interessiert, deshalb studierte und promovierte er in England an der University of East Anglia im Bereich Umweltwissenschaften. "Als typisches Kind der 80er Jahre wollte auch ich die Welt verändern", erinnert sich der gebürtige Kölner.

In einem eher grundlagenorientierten und naturwissenschaftlich geprägten Studium, das ihn zunächst in die Geheimnisse der Mathematik, Physik und Chemie, aber auch in Themen wie Klimatologie und Umweltmanagement einführte, kam er zum ersten Mal mit Fragen von Umweltrisiken und Risikowahrnehmung in Berührung. Und zwar zu einer Zeit, in der Klimawandel, Gentechnik und Atomkraft zunehmend auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert wurden. "Wie kann es sein, dass Menschen kein Atomkraftwerk im Garten haben wollen, dafür aber problemlos fünf Flaschen Bier am Tag trinken? Das ist zunächst irrational, weil beides mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein kann", erklärt der Wissenschaftler seine Ausgangsüberlegung. "Wie können wir also verstehen, wie Menschen auf Risiken reagieren? Und wie lassen sich solche Risiken an die Bevölkerung kommunizieren und am Ende auch gerecht verteilen? Das hat mich angetrieben."


Jörg Niewöhner fragt sich, welche Umweltrisiken als gefährlich wahrgenommen werden (Quelle: Pixabay)


Dieser Antrieb führte den Bachelorabsolventen direkt in die Promotion; im Schnittfeld von Risikowahrnehmung und -kommunikation forschte Niewöhner zu mentalen Modellen in der Psychologie. Risiken werden hier als mentale Konstrukte aufgefasst, die in den Köpfen der Menschen entstehen, wobei die Annahmen von Laien nicht immer mit denen von Experten übereinstimmen. Das führt zur Suche nach angemessenen Kommunikationsstrategien, psychologische Ansätze lassen dabei jedoch viele Fragen offen. "Man kann Menschen die ‚richtigen’ Fakten vermitteln, aber sie machen sich trotzdem Sorgen, ignorieren Gefahren oder entwickeln alternative Interpretationen. Die Ursachen dafür liegen häufig auch in den gesellschaftlichen Kontexten, die die Alltage der Leute bestimmen. Wie so ein Atomkraftwerk kulturell konnotiert ist, was es für eine Region bedeutet, das ist mit standardisierten Instrumenten oft nicht hinreichend zu erfassen", berichtet der Wissenschaftler von seiner zunehmenden Frustration mit den Methoden der Psychologie. Weder sei die Öffentlichkeit bloßer Container oder Empfänger von Expertenwissen, noch herrsche immer Einigkeit, was als Expertenwissen zu gelten habe; vielmehr müsse sich Expertise in Zeiten zunehmender Unsicherheiten – also im Angesicht von Umwelt- und Klimawandel – permanent neu in Frage stellen. So erlangte Niewöhner schließlich nicht nur den Doktortitel, sondern auch eine gesunde Skepsis gegenüber der Wissensproduktion in Expertensystemen gepaart mit einer gestiegenen Wertschätzung für die Komplexität von Alltag. Er begann, sich mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen und Wissenschaftsforschung auseinanderzusetzen.