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Humboldt-Universität zu Berlin - IRI THESys

Systemdenker: Für Wolfgang Lucht ist die Würde des Menschen ohne die Würde der Natur undenkbar

Prof. Wolfgang Lucht ist Gründungsmitglied des Integrativen Forschungsinstitutes zu Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys), Ko-Leiter des Forschungsbereichs Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und unterrichtet am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Wer sind wir? Was wollen wir sein? Und wie nutzen wir unsere Freiheit? Das sind nicht etwa die Leitfragen eines Philosophen, sondern die eines Naturwissenschaftlers, der sich dem ganzheitlichen Denken verschrieben hat. Der Physiker Wolfgang Lucht ist Experte für Erdsystemanalyse und seit dem 1. Juli 2016 neues Mitglied im Umweltrat der Bundesregierung, gemeinsam mit sechs weiteren Professorinnen und Professoren. In den kommenden vier Jahren wird es deren Aufgabe sein, den Zustand der Umwelt und die Maßnahmen der Umweltpolitik in Deutschland aus wissenschaftlicher Sicht zu beobachten und kritisch zu kommentieren, Erfolge festzustellen, aber auch vor Fehlentwicklungen zu warnen. Eine solche Fehlentwicklung sieht Lucht im oft respektlosen Umgang der Gesellschaft mit der Natur. Sein persönliches Motto für die Ratszeit lautet deshalb: „Die Würde des Menschen ist ohne die Würde der Natur undenkbar.“

Warum wir in Zusammenhängen denken müssen – Luchts Positionen im Bundesumweltrat

Die Schwerpunktthemen des neuen Umweltrats sind noch nicht gesetzt, Lucht weiß aber schon jetzt, welche Positionen er ins Spiel bringen möchte: „Zum einen erwarte ich von der Politik, dass sie die Energiewende mit dem notwendigen Nachdruck weiterentwickelt.“ In einer konsequenten Umstellung auf erneuerbare Energien als Alternative zu Kohle, Erdgas und Öl sieht er das Pionierprojekt einer transformativen Umweltpolitik, mit dem ein reiches Industrieland demonstrieren kann, dass Umsteuerung möglich ist. „Zum anderen wünsche ich mir, dass Bürgerengagement in Umweltpolitik besser integriert wird und so Akteure mit oft schwacher Stimme, die aber Wichtiges zu sagen haben, mehr Gehör finden und nicht am politischen Prozess scheitern.“


Lucht denkt als Experte für Erdsystemanalyse Mensch und Umwelt zusammen (Bildquelle: Pixabay)
 


Sein größtes Anliegen ist es jedoch, systemische Zugänge in der Debatte zu stärken, so dass anstelle einzelner Problemherde das große Ganze in den Blick genommen wird. „Wir sollten uns nicht isoliert mit Stickstoff, Wasser oder Wald befassen und dabei die Zusammenhänge übersehen; den Menschen abgekoppelt von der Umwelt oder Deutschland losgelöst von globalen Kontexten betrachten“, beschreibt der Wissenschaftler seinen Ansatz. Umweltliche sowie soziale, kulturelle und ökonomische Aspekte müssten zusammengedacht werden, um Gesamtlösungen entwickeln zu können.

Auf die politische Praxis übertragen bedeutet dies, dass Umweltpolitik nicht nur Umweltschutzpolitik sein darf, sondern als Bestandteil von Gesellschaftspolitik verstanden werden muss. Lucht ist davon überzeugt, dass in der Bevölkerung großer Rückhalt für die Idee der Nachhaltigkeit besteht, die Politik müsse aber Wege der finanziellen Ermöglichung organisieren. „Wer beispielsweise auf Billiglöhne setzt, darf sich nicht über Billiglebensmittel wundern, deren Herstellung dem Umweltschutz oft zuwider läuft.“ Umweltpolitische Initiativen brauchen deshalb sozialpolitische Maßnahmen an ihrer Seite, so dass auch sozial schwachen Bevölkerungsschichten ermöglichen, an der Nachhaltigkeitsidee teilzuhaben – denn nur gesamtgesellschaftlich ist die große Transformation überhaupt möglich.